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wolfgang bortlik > Leseprobe Fischer hat Durst
 
Im Herbst 2009 erscheint Bortliks neuer Roman "Fischer hat Durst" im Salis Verlag, Zürich:  
Ein Ausschnitt:
 
Am späteren Vormittag rollt Fischer in Richtung Fluss. Müde liegt das Wasser da, gequält von der Hitze. Ölig, grünbraun. Kann ein Fluss Durst haben? Fischer radelt zum ehemaligen Hafen, wo die Schiffe bis vor kurzem Kies und Öl, Container und Getreide verladen haben, um das Gut flussabwärts ans Meer zu bringen. Oder aufwärts in die Berge. Schon die Römer haben hier Binnenschifferei betrieben. Vielleicht auch die Kelten, die Helvetier, die Rauriaker. Im Mittelalter war der Rheinschiffer ein hochgeachteter Zunftbruder. 1868 gewährte die so genannte Mannheimer Akte der Schweiz volle Verkehrsrechte auf dem grossen Strom und freien Zugang zum Meer. Aber nun ist auf diesem Ufer der Hafen nicht mehr notwendig. Flussaufwärts ist ein neues Verladezentrum entstanden. Hier herrscht jetzt vorübergehend eine Art Wildnis.
 
Fischer ist gerne auf diesem Gelände. Das ist die berührte Natur. Ein Eisenbahngleis hört plötzlich an einem Prellbock auf. Rostrote Waggons stehen verloren herum. Struppige Pflanzen wuchern. Büsche, schmutziggrüne Punkte, willkürlich hingesetzt. Harte Eingriffe, die aber neue Idyllen schaffen. Kleine Tiere spielen Verstecken. Gerüche nach Teer, Öl, Metall. Zerbrochener Asphalt. Am anderen Ende des Gleises stehen Gebäude. Zermooste Ziegelbauten. Angenagte Schuppen. Lagerhäuser, die im Lichte ihrer Sinnlosigkeit glänzen. Die ganze Pracht einer Industriebrache. Der Liebreiz der Korrosion. Die Anmut des Verfalls. Die Schönheit des endlich funktionsfrei Gewordenen.
 
Doch auf dem Gelände soll bald - unter Führung der Architekteska dieser Stadt - neue attraktive Urbanität entstehen. Eine Halle für Events. Sport, Kultur, was immer auch. Noch aber sind die Lückenbüsser auf dem Areal. Zwischennutzer der Gebäude, aus denen die Schiffer und Hafenbewirtschafter ausgezogen sind. Schnell war eine Belegschaft da. Randständige, die eine neue Heimat suchen. Musikgruppen, die billigen Übungsraum benötigen, unkontrolliertes Spektakel, Gastronomie von ganz unten. Aus besetzten Häusern vertriebene Punks, die sich hier den Traum vom eigenen Konzertlokal verwirklichen. Weil hier auch einfaches Geld rollt. Um die wilden Kinder von der Strasse weg zu locken. Um sie an einem Ort unter Kontrolle zu haben. Freudige Konsumenten steuern ihr Scherflein bei. Für die letzten Kulturabenteuer. Da ist die Interstellar-Bar, wo man rund um Tische aus Ölfässern sitzen und einen vernünftigen Espresso trinken kann. Fischer stellt sein Fahrrad ab und hinkt zum pittoresken Gegenentwurf von Starbucks..
 
"Ja, wen haben wir denn da?" .
 
Fischer kennt die Stimme. Es ist zu spät, um zu entkommen. Eduard Mendota ist etwas älter als er. Ein mageres, kahl geschorenes Männchen in mönchischem Schwarz. Ein falscher Priester, einer, der nach Seelen fischt, der Fischer an sein Ölfass heranwinkt und sofort ein Gesprächsnetz auswirft. "Ich habe mich jetzt schwer auf die Organisation, aufs Management geworfen, Fischer. Es ist doch eindeutig klar, dass dort, im Ablauf, im Verlauf, der grösste Mangel, die suboptimale Fokussierung der Literatur besteht." .
 
Fischer schüttelt sein Ohr aus. Er sieht sich verzweifelt nach dem Servierpersonal um. Ohne Koffein hält er das nicht aus. "Der Markt ist süchtig nach neuen, guten Gesichtern, nach frischen Körpern. Schreiben kann jeder. Du, ich! Der Rest ist die Frage. Geschicktes Marketing. Medienresonanz. Positionieren. Kontakte. Agentur. Vorschuss. Pipapo." Mendota rutscht auf seinem Sitz herum. Er schiebt ein leeres Glas auf der Tischplatte hin und her und sieht Fischer beifallsheischend an. Der dreht sich um und starrt in den dunklen Eingang des Güterschuppens, der die tieferen Geheimnisse der Interstellar-Bar beherbergt. Wieso kommt keiner und nimmt seine Bestellung auf? "Gruppen-, nein, Rudelbildung in der Literatur, Fischer. Der einsame Wolf wie du hat ausgedient. Es wird zusammen geschrieben und gelesen, publikumsnah. Jedem meiner Schützlinge, die alle ihren Erstlingsroman wie eine ansteckende Krankheit in sich tragen, sage ich stets: Ein Buch kannst du immer noch schreiben. Erst musst du einen Namen haben. Oder noch besser: Erst musst du ein Gerücht sein. Ein heisses, scharfes Gerücht. Eine Erwartung, eine Verkündigung." .
 
Fischer stammelt etwas, das er für eine beruhigende Bestätigung des literarischen Seelsorgers hält, lächelt gequält und steigt vom Hocker. Er tritt in die Baracke, in der noch mehr Ölfässer stehen, schwere Sofas, eine Theke, ein Kühlschrank, eine Espressomaschine. Es riecht noch schwach nach Metall und Öl, Chemie und Säure, nach Maschine und Arbeit. Rastlose menschliche Tätigkeit hat sich in den schrundigen Fussboden eingegraben, ist darin geborgen wie ein archäologisches Artefakt. Staub wirbelt in den Sonnenstrahlen, die sich durch verhüllte Fenster stehlen. Aber kein lebendes Wesen ist da. .
 
Bis auf das kahle, schwarze Männchen, das plötzlich hinter Fischer steht. .
 
"Setz dich wieder nach draussen, ich mach dir einen Espresso, ich darf das. Aber was ich noch sagen wollte ..." Fischer will das nicht so genau hören und flüchtet aus dem Halbdunkel an die Sonne. Auf den wenigen Metern zum Ölfass bricht ihm der Schweiss aus. Erbarmungslos stellt Mendota den Kaffee vor sein Opfer. .
 
"Was ich eben noch fragen wollte, Fischer: Woran bist du denn gerade, schreibenderweise?" .
 
Fischer rührt den Espresso um. Noch ein Tütchen Zucker. Dann sagt er: "Ich bin an nichts. Ich schreibe gerade nicht." Das kahle Männchen gegenüber gluckst: "Das gibt's doch gar nicht! Schade, dabei hätte ich einen kleinen Job gehabt, mit Regierungsgeld. Das Schweizerische Departement des Aussergewöhnlichen hat irgendeine Portokasse gefunden und will daraus eine Anthologie zu einem Jubiläum sponsern: Zukunftsmusik. Wie sieht die Schweiz in 50 Jahren aus? Welche Herausforderungen erwarten die Helvetische Konföderation? Was ist zu tun? Gibt es unser Republikchen überhaupt noch oder gehören wir zum Islamistischen Gottesstaat Zentraleuropa? Herausgeber der Sammlung ist selbstverständlich unser Literaturpapst, der aber aus Zeitmangel auf subalterne Kräfte zurückgreifen muss. Da bin ich im Spiel. Die Bezahlung ist nicht unflott. Denk dir was aus über die Zukunft, auch wenn du dann schon tot bist." .
 
Fischer kratzt die Überreste des Espressos aus der Tasse und nickt. Geld winkt. Aber er ist auch von seinem Gedanken begeistert: Er schreibt gerade nicht! Hat die Arbeit niedergelegt! Ist im Streik! Das klingt viel besser, als sich einzugestehen, dass er ein Nervenbündel, ein Versager ist. Dass ihm einfach alles hohl und schal, idiotisch und einfallslos, blöd, dumm und dämlich vorkommt, was als eigener Text auf seinem Computerbildschirm aufleuchtet. .
 
Mendota klopft mit seinem Glas einen sehr ungeraden Rhythmus auf den Tisch, steht dann auf und schiebt Fischer ein Kärtchen hin: "Meine Koordinaten, wie man heute so schön sagt. Zehntausend Zeichen zur Zukunft der Schweiz. Und bloss keinen Feuilletontitel wie "Die Asche der Sinnlosigkeit" oder so. Hand drauf! Nimm dich zusammen, Fischer, gerade unsere Generation mit ihrer Erfahrung und dem sturmerprobten Schädel, wir mit dem Bewusstsein, dass Kunst Ansichtssache oder eine Kathedrale aus Scheisse ist, wir müssen schreiben. Oder dagegen schreiben. Verzeih mir bitte mein Pathos!" .
 
"Nacktbaden im Schattenreich", sagt Fischer spontan als Titelvorschlag, "Suboptimale Fokussierung im helvetischen Koordinatensystem als Untertitel!" Mendota sieht ihn nur strafend an. Fischer möchte gerne noch einen Espresso in der Güterschuppenbar holen und am Geruch geleisteter Arbeit schnuppern, aber ohne Gesellschaft. Also geht er lieber zu seinem Fahrrad. Der Kulturmönch ruft ihm hinterher: "Was hinkst du denn so arg?" Fischer gibt keine Antwort. Zweitausend Franken. Zuviel Geld, um stolz zu sein. Er hat Kinder. .